Siddhartha und die Documenta

Siddhartha und die Documenta? Ihr findet, dass es so keinen Sinn ergibt und ich da was durcheinander bringe? Manche Dinge klingen nur etwas kompliziert, lassen sich aber sehr einfach erklären. Doch bevor ich zur Sache komme, noch ein paar Basics vorab: Siddhartha – ein indischer Brahmane im Roman von Herrmann Hesse. Documenta – die Weltausstellung für zeitgenössische Kunst in Kassel. Ich weiß, die meisten wissen es vermutlich, wobei das mit Kassel….. das trauen Kassel viele nicht zu.

Ich befinde mich gerade in Kassel und eile zur Documenta 14. Schließlich will ich nicht verpassen was bei den Zeitgenossen von Welt gerade so angesagt ist. Doch dann kreuzt meinen Fußweg unerwartet ein Baum. Eine Eiche, um genau zu sagen. Eine von 7000, die hier einst Joseph Beuys anlässlich der Documenta mit fleissigen Helferhänden gepflanzt hat. Der selbige zerstreute auch seinerzeit breit Gedankengut. Ein Samen davon scheint bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein und wuchert gerade in meinen Kopf. Der Gedanke:

Jeder Mensch ist ein Künstler!

Ist wirklich jeder Mensch ein Künstler? Zugegeben, an einem Werktag sich in derartige Spinnereien zu verstricken ist für einen rationalen Menschenverstand völlig überflüssig. Auf der anderen Seite findet die Documenta nur alle 5 Jahre statt, da wird man sich wohl einer kleinen Abschweifung hingeben dürfen. Und eh ich mich versehe bin ich in der Materie tiefer drin als es mein Zeitplan erlaubt, jetzt heißt es raus damit! Finde es raus!

Die Antwort erhoffe ich mir von der roten Bank, die mir auffällt, oder eher gesagt von dem jungen Mann auf der roten Bank. Dieser liest gerade ein Buch. Er verzeiht mir die Unterbrechung und dann stelle ich ihm die Frage aller Fragen: Bist du ein Künstler? Eigentlich Ingenieur – bekomme ich als Antwort. Das spricht schon mal für Erfindergeist. Lassen sich da noch mehr schöpferische Gaben rausholen? – bohre ich etwas unverschämt. Michael (so heißt mein Versuchskanninchen) erzählt mir, dass er gerne schreibt und dass ein Gedicht von ihm bereits veröffentlich wurde. Auch viele andere interessante Hobbys sorgen für Abwechslung in Michaels Alltag. Das alles klingt sehr vielversprechend. Und dann wird er auch noch auf seinem Datenspeicher fündig. Jede Menge Bleistiftskizzen auf denen Figuren in verschiedensten Stimmungen und allen Lebenslagen zu bewundern sind. Ich bin begeistert. Zum einen von der lässigen Strichführung, aber auch vom Ergebnis meiner Tagesstudie. Es steht fest: Jeder Mensch ist ein Künstler!

Ach ja, da waren ja noch die beiden komplizierten Zusammenhänge, die ich auflösen wollte. Als kleinen Dank für den Unfug zum gemeinnützigem Zweck revanchiere ich mich bei dem frisch gebackenem Künstler mit einem kleinen Shooting. Als Hintergrundkulisse dient uns das „Parthenon der Bücher“. Aus ca.100.000 Büchern hat hier die argentinische Künstlerin Marta Minujin den Tempel von Akropolis nachgebaut. Es ist DAS Kunstwerk der Documenta 14 schlechthin. Und wieder waren es die Kasseler, die zu diesem Bestand, der einst verbotenen Büchern, beigetragen haben. Wie der Zufall so will, ist auch Michaels Buch ein Teil des Kunstwerks. Dieses darf er jetzt in aller Ruhe weiterlesen, während ich ein Paar Bilder von ihm knipse. Ihr könnt euch ja denken welches Buch das ist: Siddhartha.

 

 

Im Portrait : Michael Schützle
Fotografie und Text: Elvira Stürmer

 

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