Die Reise nach Jerusalem

Die Reise nach Jerusalem

Die Reise nach Jerusalem ist kein Kinderspiel! Und erst recht nicht lustig die Fahrt, mitten durch die City. Denn im Straßenverkehr gilt hier nur eine Verkehrsregel: Hupen! Die Schwierigkeit dabei ist nur die einzelne Hupsignale zu deuten. Denn es ist nicht einfach für uns Neulinge auf Anhieb zwischen „Welcome to Jerusalem“ und „Hau ab, du Trottel“ zu unterscheiden. Aber wer sagte, dass es einfach wird.  Wir sind sehr erleichtert, nach einem aufregenden Hupkonzert unser Mietauto in der Parkgarage des Hotels loszuwerden. Frisch geduscht, fromm gekleidet, fröhlichen Mutes und frei von Vorurteilen scharen wir schon mit den Hufen das heiße Pflaster der Old City zu erobern.

 

Die Klagemauer

(Eine ernste Angelegenheit mit nicht zu ernst nehmender Geschichte)

Hier erreichen wir für Juden den Allerheiligsten Platz – die Klagemauer. Hier ist es offiziell erlaubt sich zu beklagen. Eigentlich geht es ja uns viel zu gut und wir haben uns überhaupt nicht zu beschweren, behaupten zumindest unseren Männer, aber ein bisschen meckern auf hohem Niveau wollen wir uns trotzdem erlauben. Und das erste Gemecker lässt auch nicht lange auf sich warten. Gerade als wir ein ruhiges Plätzchen ins Visier nehmen, werden wir von Ordnungshütern darauf hingewiesen, dass dieser nur männlichen Klägern zur Verfügung steht.

Wir begeben uns auf die Frauenseite. Hier geht die Post so richtig ab. Als wir es endlich schaffen zum sogenannten Postkasten Gottes vorzudrängeln, flattert auf uns  schon das nächste Problem zu: ein Paar völlig überforderte Brieftauben. Diese sind hier für den Schriftverkehr zuständig und sind eindeutig unterbesetzt. Kein Wunder, dass die meisten Briefe, noch bevor sie in den Händen des Empfängers, schon unter den Füßen der Absender landen.

Wir verlassen das Frauenrevier und finden, dass es an der Zeit wäre hier mal die Grenzen neu abzustecken. Aber derartige  „Problemzonen der Frauen“ nimmt man hier mit Gelassenheit. Das bisschen Ausgrenzung ist noch lange kein Grund zur Aufregung, finden die Soldatinnen. Denn schließlich ist das schwache Geschlecht hier in Punkto Gleichberechtigung auf anderen Gebieten ganz vorne. Ihnen drückt der Soldatenstiefel eher bei der Verteidigung anderer Grenzgebiete. Darüber könnte man streiten, aber vor den bewaffneten Emanzen haben wir etwas Respekt. Denn eins ist klar, um die Waffen einer Frau handelt es sich hier nicht!

Die Accessories einheimischer Herren sind eher etwas belustigend als furchterregend. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Ob Stirn-, Armbänder, Lederriemen, Ringe und und und, hier darf jeder nach seiner Fasson selig werden. Beim Beobachten dieser Modeszene mischt sich zu unserem Schmunzeln auch etwas Schadenfreude bei, denn immerhin ist es die einzige Religionen, wo Männer, was zumindest die Kleiderordnung betrifft, schlimmer als die Frauen dran sind.

 

Jerusalems Via Dolce Vita

(nicht zu verwechseln mit Via Dolorosa)

Nach der schwarz-weiß Szenerie stürzen wir uns in  Jerusalems farbenfrohe Shopping Vergnügen. Hier findet man alles was das Herz, die Augen und der Magen begehrt. Jerusalems Shopping Mall ist im wahrsten Sinne ein Markt ohne Marktlücken.   Der einzige Raum, der hier etwas weniger eng gesehen wird, ist der Spielraum für Preisverhandlungen.

Unterwegs zur Grabeskirche

(oder von Wegen, Abwegen und Auswegen)

Wer aus Jerusalems Shopping Labyrinth jemals rausfindet ist entweder pleite, steht kurz vorm Burnout oder fällt vom Glauben ab. Denn hier bringen nicht nur die Händlern ihre Ware leidenschaftlich an den Mann, hier wird auch der Glaube (geschlechtsübergreifend) sehr laut beworben. Denn schließlich ist nirgendwo die Konkurrenz so dicht beieinander wie hier. Und damit das religiöse Geschäft auch weiterhin blüht, läuten die Glocken der umliegenden Kirchen um die Wette mit den Gebetsrufern der Minaretten, die sich hier überall gen Himmel türmen.

Christliche Fachkundschaft, die etwas standhafter in ihrem Glauben oder auf ihren Beinen ist und denen ihr eigenes Kreuz nicht schwer genug ist, darf hier auch ein Leihkreuz auf sich nehmen. Dieser wird dann entlang der via Dolorosa zum Hügel Golgatha getragen. Und wer bis dahin schon nicht ins Wanken gekommen ist, der wird spätestens in der Grabeskirche erschüttert. Hier teilen sich das Revier 6 weitere Konkurr…..ähm ich meine Konfessionen. Dies schließt natürlich kleine Reibereien aus. Manchmal fliegen hier sogar im heiligen Zorn die Fäuste. Und damit nicht einer vorzeitig das zeitliche segnet, sorgt hier ein muslimischer Hausmeister für Ordnung unter den christlichen Mietern. Um zu vermeiden, dass sich noch weitere Untermieter einen Brocken vom heiligen Felsen unter den Nagel reißen, setzt man hier gerne auf Abschreckung. Besonders bewährt haben sich stinkende Räucherstäbchen, gruselige Wandgestalten und gespenstisches Flüstern in dunklen Räumen.

In dem Moment ergreift man gerne die Flucht, was aber nicht heißt, dass man einen Ausweg aus der Finsternis findet. Und während man noch verzweifelnd nach Luft schnappt, passiert etwas unglaubliches. Ein Sonnenstrahl heizt mit 300000 km/sek. durch das Dachfenster und legt eine sanfte Vollbremsung vor den Füßen. Dann fragst man sich, woher er denn schon vor 500 Sekunden wusste, dass er im Jetzt und Hier so dringend gebraucht wird. Bei der Lösung dieser Aufgabe ist man dann nicht nur am Ende mit dem Latein, sondern auch mit den naturwissenschaftlichen Fächern. Dann vergisst man für einen Moment, dass man hier eigentlich raus wollte. Steht da und staunt. Das kannst du mir glauben!

Adventstimmung

Ein bunt geschmückter Tannenbaum im Foyer unseres Hotels erinnert uns daran, dass Weihnachten vor der Tür steht. Wir überlegen kurz, ob wir die Feier im nahe liegendem Bethlehem nicht schon mal vorziehen sollten. Denn schließlich wird dort der Geburtstag Jesu rund ums Jahr gefeiert. Aber irgendwie sind wir heute nicht mehr in Partystimmung. Wir ziehen uns zurück in unsere 4 Wände in den 3 Arces und unsere 2 Paar Augen haben für heute genug gesehen. Große Erwartungen stehen nicht mehr auf dem Plan. Höchstens noch Überraschungen. Auf die ist wie immer Verlass. Für diese sorgen heute die vielen spannenden Geschichten, die hier die Wände erzählen. Und eine davon ist sogar eine Adventsgeschichte. Und während uns unsere müden Augen unter der funkelnden Weihnachtsbeleuchtung zufallen, spitzen wir umso mehr die Ohren.

In diesem Sinne: SHALOM!

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