Abenteuer Kirgistan

Ankunft in Bischkek

Wir können es kaum glauben! Sind wir jetzt wirklich in Kirgistan? So einfach ist es also Träume zu verwirklichen? Bei der Passkontrolle wird uns noch mal klar, dass wir mit einem kirgisischen Geburtsort, mehr als nur Touristen sind.

Kirgistan, bist du bereit für ein Wiedersehen mit deinen Kindern?

Wir haben nicht wirklich einen Plan, was uns hier erwartet. In unserem Gepäck haben wir eine grobe Route und einen Fremdenführer, der übrigens nicht im Koffer, sondern irgenwo auf dem Flughafen in Bischkek auf uns wartet.   Als wir uns noch etwas unsicher am Flughafen bewegen, erhellt die Morgendämmerung ein goldverziertes Lächeln eines Taxifahrers und wir wissen sofort: Das ist unser Mann! Der Gentleman nimmt uns die Koffer aus der Hand, hält es allerdings für unnötig, Zeit für andere Formalitäten zu verlieren und rennt zu seinem Auto. Wir nehmen die übersprungene Vorstellung sportlich und joggen hinterher. Nach dem wir die Morgengymnastik nun hinter uns haben, lehnen wir uns erleichtert in die flauschigen Fellsitze unseres Taxis zurück. Auch der Rest der Ausstattung ist top gepflegt, auch wenn etwas ungewöhnlich. Unser Taxifahrer übernimmt ab jetzt das falsch platzierte Steuer und macht sich auf der richtigen Straßenseite auf den Weg. Andere Länder, andere Sitten, denken wir und nicken entspannt ein.

Doch schon kurz darauf werden wir von einem riesigen Vogelschwarm aus unserem Halbschlaf gerissen. Wir ziehen reflexartig unsere Kameras aus den Taschen und nehmen hysterisch das erste Fotomotiv ins Visier. Unser Fahrer macht eine Vollbremsung und ist von der unerwarteten Hektik etwas erschrocken. Höchste Zeit für eine Vorstellungsrunde! Wir klären ihn auf, dass er es mit zwei leidenschaftlichen Fotografinnen zu tun hat, die gerade dabei sind, sich ein Bild vom Land machen. Während dessen nimmt der Krähenschwarm immer mehr apokalyptische Ausmaßen an. Und was langsam beängstigen wirkt, begeistert unser Fotografenherz, das sich hungrig auf das gefundene Fressen stürzt. Wir springen, knien, schlagen Purzelbäume und knipsen uns dumm und dämlich um unser beflügeltes Begrüßungskomitee. Unser Taxifahrer beobachtet uns ein wenig aus sicherem Abstand und denkt: Andere Länder, andere Sitten. Wir schwärmen noch sehr lange:

Wow, was für ein Empfang!

Turm Burana

Nach dem Bacha (den Namen unseres Fahrers gelang uns inzwischen rauszubekommen) uns nun besser einzuschätzen glaubt, steht die nächste Haltestelle fest. Wir sind gespannt, was uns den kleinen Umweg kreuzt. Diesmal ist es ein kulturelles Wahrzeichen Kirgistans – der Turm Burana! Unser Hunger nach Kultur hält sich zwar in dieser frühen Stunde in Grenzen, aber gegen frische kirgisische Morgenluft haben wir nichts einzuwenden. Das Überbleibsel aus dem 10 Jahrhundert, das einst die Seidenstraße zierte, wird  von einer versteinerten Armee bewacht. Die steinalten Greise oder Balbals, wie man die hier nennt, haben fast 1500 Jahre auf dem Buckel und wirken trotz ihrer grimmigen Gesichter etwas niedlich. Wir torkeln gähnend vor uns hin und obwohl es unsere Sitznachbarn im Flugzeug waren, die den Bordservice die ganze Nacht auskosteten, fühlen wir uns ganz schön verkatert. Dies entgeht unserem aufmerksamen Bacha nicht und er weist uns freundlich auf kirgisische Sicherheitsbestimmungen hin. Diese ranken aus dem Boden und mahnen gleich in 2 Sprachen. Die kirgisische Sprache ist uns neu, aber das kyrillische Alphabet kommt uns noch bekannt vor. Wir reiben uns die müden Augen und lesen: Kindern unter 12 Jahren und Personen im nicht nüchternen Zustand ist der Aufstieg auf dem Turm untersagt! Diese Vorsichtsmaßnahme kommt uns ganz gelegen und wir gesellen uns zu den versteinerten Helden der Vergangenheit, die gerade ein Nickerchen halten. Wir beneiden sie ein bisschen um ihren Schlaf, aber um in die Armee der schlafenden Helden aufgenommen zu werden, muss man zuerst ins Gras beißen. Wir liegen ja schon eh auf dem Boden und sind kurz davor, als Bacha zu unserer Rettung eilt und uns ein viel besseres Bed and Breakfast Angebot in Aussicht stellt.

Wir geben uns den letzen Ruck und folgen der Einladung. Und ganz besonders  freuen wir uns heute auf den Schlaf wie ein Stein.

Issyk  Kul – See

Unsere nächste Station auf der Reise ist der Bersee Issyk – Kul, was soviel wie warmes Wasser bedeutet. Kaum einer kann etwas mit diesem Namen anfangen. Zu Unrecht, denn es handelt sich hierbei um den zweit größten Bergsee der Welt. Heiße Quellen machen diese Gewässer auch zum baden möglich und verhindern, dass der 660 Meter tiefe See im Winter einfriert. Es ranken sich viele Mythen und Legenden um diesen rätselhaften See. Archäologen vermuten unter den Wassertiefen eine versunkene Stadt. Andere Geschichtenerzähler tippen, was die Entstehung des Sees betrifft,  eher auf Tränen einer unglücklichen Prinzessin, die ihre Liebe beweinte.

Wir für unseren Teil stellen nach einem kurzen Erfrischungsbad fest, dass die Tränentemperatur doch kälter als erwartet ist und finden den Zauber des Sees in umliegenden Bergen und Sonnenuntergängen.

Die bunte Stunde in den Bergen von Jeti Qguz

„Entwirf deinen Reiseplan im Großen und lass dich im Einzelnen von der bunten Stunde treiben.“

(Kurt Tucholsky)

Unser Reiseplan ist bis jetzt im Großen und Ganzen gut aufgegangen, ab jetzt verlassen wir uns ganz auf Tucholskys bunte Stunde. Bunt mit uns mitzumischen freut sich auch David, ein deutscher Landsmann, der uns hier überm Weg läuft. Wir freuen uns ebenfalls über die Verstärkung und somit ist unser Reiseteam nicht nur vollständig, sondern auch perfekt.

Jetzt schlägt die bunte Abendstunde. Es ist für uns die erste Übernachtung in einer Jurte. Eine Jurte ist eine typisch kirgisische Behausung aus den Nomadenzeiten und ist noch heute als Sommerdomizil auf den Weiden und in den Bergen sehr beliebt. Auch wir fühlen uns im Luxuszelt sehr wohl und genießen die Gastfreundschaft in dieser besonderen Atmosphäre. Das Abendprogramm fällt ebenfalls bunt und lustig aus. Unser Taxifahrer mausert sich immer mehr zum Alleinunterhalter. Als erfahrener DJ heizt er uns musikalisch und mit kirgisischen Tanzeinlagen ganz schön ein. Mit einer herzerwärmenden Gute-Nacht-Geschichte legt er noch einen drauf. Also frieren muss heute nacht niemand mehr. Dafür plagen uns jetzt Bauchschmerzen, aber dieses Mal vom Lachen.

Outdoor Paradies für Naturliebhaber

Beim Umrunden des Issyk- Kul Sees lassen wir uns von verlockenden Landschaften verführen und geraten immer wieder auf steinige Abwege.  Mit viel Vertrauen in japanische Reifenhersteller und kirgisische Brückenbauer erreichen wir entlegene Jurtendörfer, derer Bewohner eher natürliche PS bevorzugten. Sie staunen nicht schlecht, als sie erfahren, dass wir noch nie auf einem Pferd saßen. Das sollte sich unbedingt und sofort ändern. In Begleitung von erfahrenen Reitlehrern geht es dann für uns bergauf zu den Wasserfällen, die wir nicht verpassen sollten. Auf die langjährige Erfahrung der Knirpse ist tatsächlich Verlass. Auch wenn uns unterwegs das Herz manchmal in die Hose rutscht, rutschen die Pferde im teilweise sehr schlammigen Gelände nicht den Berg runter.

Hier oben erwartet uns viel unberührte Natur – ein Outdoor Paradies! Wilde Bergflüsse mit kristallklarem Wasser schäumen vor Übermut und fallen rauschend vor unsere Füße. Wir lassen  uns davon anstecken und einige üben sich in der Kunst der Körperästhetik. Wir feiern zusammen das Leben, als gäbe es kein Morgen.

Die frische Bergluft tut gut und den Kindern macht der Ausflug Spaß!

Land und Leute

Wir verlassen die Natur und machen uns auf den Weg in die Zivilisation.  Unterwegs fällt uns ein Bauprojekt auf, das wir uns aus der Nähe anschauen wollen. Die Immobilie mit viel Potential scheint noch weitere Interessenten anzuziehen. Diese erzählen uns etwas traurig über das übermutige Projekt, das nie zu Ende gebaut wurde. Wie schade, wäre bestimmt schön geworden, wenn der Gartenzaun schon so viel hergibt. Wir ermutigen sie und berichten über einige Luxusbaustellen aus unserer Heimat. Sie schlagen vor alle nicht 100-prozentig beendete Projekte wenigstens schon mal 40-prozentig einzuweihen. Und das Weihwasser steht auch schon parat.

Die Einheimischen begegnen uns sehr offen und freundlich. Besonders beliebt ist das obligatorische Gemeinschaftsfoto und das  „na Sdorowje“, welches aber hier nicht zum offiziellem Begrüßungsteil gehört. Denn offiziell ist die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch und trinkt keinen Alkohol. Es sei denn zu besonderen Anlässen und die kommen hier sehr oft vor.

Kurorte und Wellnessoasen

Wir verlassen die asiatischen Träumereien und müssen uns nun einem realem Problem stellen: Eine Unterkunft für die Nacht. Nicht, dass es keine Übernachtungsmöglichkeiten gäbe. Unterwegs bekommen wir genug exklusive Angebote. Nur Bett mit Verpflegung heißt auf kirgisisch oft ein geschlachtetes Schaf und eine 3- Tages- Sause mit der ganzen Nachbarschaft. Soviel Luxus können wir uns zeitlich nicht leisten und suchen etwas einfaches und unkompliziertes für eine  Nacht. Doch sowas lässt sich nicht selten nur mit einer ordentlichen Portion Abenteuerlust wegstecken. Uns bleibt der Abend in lebhafter Erinnerung,  als gleichzeitig 3 Dinge geplatzt sind. Das Geschäft für den Jurtenbesitzer, unsere Hoffnung auf einen Schlafplatz und die Ohrtrommeln von restlichen Beteiligten. Der Grund für diese unglückliche Kettenreaktion war ein vierbeiniger Schlafgast mit langem Schwanz, der sich aus Versehen in unserem Zimmer verlaufen hat.

Die hiesigen sanitären Anlagen sind ebenfalls nichts für feine Nasen. Und manche Nasszelle nicht mal was für grobe Nasen mit Wäscheklammer drauf. Dennoch wissen wir die umweltfreundliche Erfindung des „universellen Umiwalnik“ (Waschbecken) in den Bergen zu schätzen. Eine Katzenwäsche ist immerhin an Orten drin, wo sich Katzen nicht mal hoch trauen. Für den groben Dreck ist jedoch die bodenständige russische Banja (Sauna) zuständig. Uns ist es jedenfalls erfolgreich gelungen während des gesamten Aufenthaltes unseren Körper mit ein bisschen Wodka und unseren Geist mit viel Humor desinfizierend bei Laune zu halten. Und fließend Wasser hin oder her,  bei Schnäppchenpreisen für 2 Euro p.P ist nun wirklich nichts auszusetzen.

Es läuft!

Ruhestätte

Wir fahren vorbei an einem idyllischen Friedhof.  Man erzählt uns, dass es hier in vielen Gegenden  Brauch ist die sterbenskranke Menschen in eine Jurte zu bringen. Ein Raum ohne Ecken soll verhindern, dass sich böse Geister einquartieren. Trotz des muslimischen Glaubens halten viele an alten Schamanenbräuchen sibirischer und mongolischer Naturvölker fest, die mit den Nomadenvolk über Jahrhunderte mitgereist sind. Wir fühlen uns langsam auch wie Nomaden. Unsere Zelte für die nächsten Tage schlagen wir an einem ganz besonderem Ort auf.

Tokmok – die Heimat unserer Kindheit

Wir nutzen die Zeit für einen kleinen Rückblick an einem wunderschönen Ort, wo scheinbar alles fließt.  Wir lassen uns mitreißen mit dem Fluß der Zeit. Unser Herz springt vor Vorfreude und wir überspringen einfach mal 25 Jahre, bevor wir auf dem Boden unserer Kindheit landen.

Wir finden uns an einem altbekanntem Platz der Stadt wieder. Das sowjetische Wahrzeichen der Stadt steht immer noch in Kampfbereitschaft. Aber sind wir bereit für den kleinen Ausflug in die Vergangenheit? Von dem Anspruch, dort alles so vorzufinden wie es früher war, haben wir uns längst gelöst. Denn auch wir haben uns inzwischen ganz schön verändert und sind älter geworden und DAS unter weit besseren Umständen.

Wir nähern uns dem Viertel, wo wir unsere unbeschwerte Kindheit verbracht haben. Es ist für uns ein bewegender Moment. Viele alte Bilder schießen durch den Kopf und jede Menge neuer Eindrücke kommen hinzu. Unser Gehirn leistet gerade Schwerstarbeit und versucht mühsam die Bilder der Vergangenheit zu verarbeiten und die in Einklang mit der Gegenwart zu bringen.

Der Hasi lebt – das Haus ist tot

Nicht nur der Hasi, auch der Zahn der Zeit hat hier im Laufe der Jahre ganz schön genagt. Hier und da erkennen wir noch die verschnörkelten Verandas und Holztore. Der Zustand unseres Hauses ist aber kurz vor tot. Die neuen Bewohner erzählen uns, dass der Abriss bereits auf dem Bauplan steht. Beim Rundgang durch die betagten Räume nehmen wir noch ein mal Abschied.

In der Nachbarschaft werden wir mit offenen Armen aufgenommen. Hier dürfen wir uns in den nächsten Tagen wie zu Hause fühlen. Auch gekocht wird hier wie früher bei Mutti. Der Weißkohl für den Borscht wächst und gedeiht immer noch prächtig im Garten. Der Ruf „Kinder das Essen ist fertig!“ reißt uns aus unserer Nostalgiestimmung. Damit wir noch mehr Speck auf die Rippen kriegen gibt es jede Menge köstlicher Hausmannskost. Und damit es nicht auch noch einen hinter die Löffel gibt, löffeln wir die Holzfällerportionen brav leer.

mmmmh …Kind sein war hier schon immer schön!

….apropos Holzfäller……jetzt steht  erst mal ein Verdauungsspaziergang durch den Wald an. Aber das ist eine andere Geschichte.

Flora und Fauna

Wir drehen eine Runde durch den geliebten Pappelwald. Der Spielplatz unserer Kindheit! Die Wurzel unserer Kreativität! Die Freiheit hinter dem Gartenzaun! Wie in alten Zeiten verabreden wir uns mit unserer Schulfreundin. Jetzt bleibt nur noch zu klären, wer heute der Anführer sein darf. Und dann begibt sich unsere Pfadfinder -Truppe auf Spurensuche.

Wir stellen fest, dass die Pappelbäume etwas anders als in unserer Erinnerung aussehen. Aber die „kirgisischen Brennesel“ sind immer noch die gleichen. Wie könnten wir die auch vergessen. Denn der Kampf gegen diese Pflanzenunart war in den Sowjetzeiten ein fester Bestandteil des Biologieunterrichts. Das Jäten der wuchernden Cannabispflanze stand den jungen Pionieren bis zum Halstuch. Wer hätte es damals gedacht, dass ausgerechnet dieses Unkraut alles überdauert.

In anderen Anbaugebieten fiel die Verschärfung des Gesetzes für Pflanzenanbau allerdings auf fruchtbaren Boden.  Die heimischen Gärtner nehmen die Verschärfung nicht nur ernst, sondern auch sehr wörtlich. Die Ernte des Chilis kann sich hier in jedem Garten wirklich sehen lassen. Allerdings hat dieser den Anbau von restlichen Obst und Gemüse etwas verdrängt. Bei uns zu Hause wurde früher nicht so scharf gekocht, aber über den Geschmack sollte man sich ja bekanntlich nicht streiten.

Zum guten Schluss wollen wir noch über eine ganz seltene Kreatur berichten. Und auch wenn wir hier schon einigen Kuriositäten begegnet sind, fehlen uns hier doch ein bisschen die Worte.  Aber papalapappelwald………seht doch selbst!

Liebe Freunde, solltet ihr jetzt hier ein Tier sehen, das eher in eine afrikanische Savanne als in einen kirgisischen Wald gehört, dann leidet ihr wahrscheinlich an akuter Bewusstseinsstörung. Bitte verlasst umgehend diesen Wald! Es warten noch viele andere schöne Orte auf euch. Kommt ihr mit uns mit?

Einen wunderschönen Bergsee  – den Höhepunkt unserer Reise findest du hier: Son Kol – die Heimat der Nomaden

Fotografie und Text: Elvira Stürmer und Irene Langemann

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